Welche Warenwirtschaftssysteme außer JTL und Plentymarkets gibt es, die Marktplätze wirklich können?

Diese Frage bekommen wir regelmäßig, und sie kommt fast immer aus demselben Anlass: eine Preiserhöhung, ein Funktionsversprechen, das nicht gehalten wurde, oder das Gefühl, dass sich das eingesetzte System nicht mehr in die richtige Richtung entwickelt.

Die ehrliche Antwort vorweg – sie fällt nüchterner aus, als viele hoffen.


Die kurze Antwort

Wer die beiden meistgenutzten Systeme im deutschen Multichannel-Handel bewusst ausschließt, hat es anschließend deutlich schwerer. Die verbleibenden Anbieter haben durchweg spezifische Stärken, aber auch spezifische Einschränkungen – und keiner davon deckt Marktplätze, Lager, Buchhaltung und Produktdaten gleichermaßen umfassend ab.

Bevor du also nach Alternativen suchst, kläre eine Frage: Willst du wirklich ein anderes System – oder willst du ein bestimmtes Problem loswerden?

Das ist kein rhetorischer Einwand. Ein häufiges Ausschlusskriterium lautet „keine Cloud“. Dahinter steckt meist die Sorge, ortsunabhängig arbeiten zu müssen – und die lässt sich auch mit einer klassischen Windows-Anwendung lösen, wenn sie auf einem Server läuft und per Fernzugriff aus dem Browser bedient wird. Wer deswegen den Marktführer streicht, schließt eine Option aus, ohne das eigentliche Problem zu lösen.


Zwei grundsätzlich verschiedene Wege

Der Monolith

Ein System für alles: Artikel, Bestände, Aufträge, Versand, Marktplätze, Buchhaltungsexport. Vorteil: eine Datenbasis, ein Ansprechpartner, keine Schnittstellenprobleme zwischen den Bausteinen. Nachteil: Du bindest dich eng, und du bekommst zwangsläufig auch die Bereiche, in denen der Anbieter schwächer ist.

Der Stack aus spezialisierten Werkzeugen

Mehrere Werkzeuge, die jeweils eine Aufgabe gut lösen – etwa ein System für die Auftragsabwicklung, ein separates Werkzeug für die Verteilung der Produktdaten an die Marktplätze und eine eigene Lagerlösung.

Ein Händler beschrieb den Vorteil so, dass jedes Team nur in einer übersichtlichen Oberfläche arbeitet, statt sich durch ein überladenes Gesamtsystem zu kämpfen. Günstiger ist das nicht – aber die Akzeptanz im Team und die Geschwindigkeit im Alltag sind spürbar höher.

Die Entscheidung zwischen beiden Wegen ist wichtiger als die Wahl des konkreten Anbieters. Triff sie zuerst.


Was du über die Alternativen wissen solltest

Der Open-Source-Weg liefert ein vollumfängliches System inklusive Buchhaltung und lässt sich beliebig erweitern. Der Haken liegt genau dort: Im Multichannel-Betrieb brauchst du eigene Entwicklerkapazität. Ein Anwender rechnete vor, dass die extern beauftragten Erweiterungen einen sechsstelligen Betrag erreicht hätten – mit eigenem Team dagegen war es sein drittes und aus seiner Sicht letztes ERP.

Die kleineren kommerziellen Anbieter haben jeweils einen durchwachsenen Ruf, aus sehr unterschiedlichen Gründen: mal die Preisentwicklung, mal die Stabilität, mal die Geschwindigkeit bei neuen Marktplatzanforderungen. Pauschal lässt sich hier wenig sagen – hier hilft nur, mit Anwendern zu sprechen, deren Profil deinem ähnelt.

Für internationale Marktplätze hat sich eine Kombination bewährt: das eigene System für Lager und Aufträge, ergänzt um einen spezialisierten Marktplatz-Anbindungsdienst. Das löst genau die Lücke, an der die meisten Standardsysteme scheitern.

Für Amazon gilt eine eigene Regel, die man kennen sollte: Für die Pflege der Artikeldaten führt in der Praxis kaum ein Weg an den Massendateien vorbei. Kein Warenwirtschaftssystem hält bei den ständig wechselnden Pflichtfeldern schnell genug mit.


Schritt für Schritt: Der Auswahlprozess

Schritt 1 – Ist-Zustand ehrlich aufnehmen

Notiere: Verkaufskanäle, Anzahl Artikel und Varianten, Aufträge pro Tag im Schnitt und im Peak, Lagerprozesse von der Kommissionierung bis zum Packtisch, Zahlungsarten, Buchhaltungsanbindung, angebundene Fremdsysteme.

Diese Aufstellung ist die Grundlage für jedes Gespräch. Ohne sie bekommst du Standardpräsentationen statt Antworten.

Schritt 2 – Muss und Kann trennen

Reduziere deine Anforderungen auf drei bis fünf echte Ausschlusskriterien. Alles andere ist Wunschliste.

Diese Übung ist unangenehm, weil sie Prioritäten erzwingt. Sie ist aber der einzige Schutz davor, sich von Funktionsumfang blenden zu lassen, den du nie nutzen wirst.

Schritt 3 – Anbieter mit Testfällen konfrontieren

Alle Anbieter sagen zunächst, sie könnten alles. Deshalb keine Funktionslisten abfragen, sondern konkrete Abläufe durchspielen lassen:

  • Ein Artikel wird gleichzeitig auf drei Kanälen verkauft – zeig mir den Bestandsabgleich in Echtzeit.
  • Ein Auftrag besteht aus fünf Positionen aus drei Lagerorten – zeig mir die Kommissionierung.
  • Eine Retoure kommt unvollständig zurück – zeig mir den Prozess bis zur geminderten Erstattung.
  • Ein Marktplatz führt ein neues Pflichtfeld ein – wie lange dauert die Umsetzung bei euch?

Die letzte Frage trennt die Anbieter am zuverlässigsten.

Schritt 4 – Mit echten Anwendern sprechen

Lass dir Referenzen geben, die deinem Profil entsprechen – ähnliche Artikelzahl, ähnliche Kanäle, ähnliches Volumen. Ein System, das mit 2.000 Artikeln gut läuft, kann bei 60.000 Artikeln ein völlig anderes Verhalten zeigen.

Frag dort nicht nach Zufriedenheit, sondern nach dem, was zuletzt nicht funktioniert hat, und wie lange die Lösung gedauert hat.

Schritt 5 – Gesamtkosten über drei Jahre rechnen

Lizenz oder Miete, Server und Betrieb, Einrichtung, Datenmigration, Schnittstellen, Schulung, laufende Betreuung durch einen Dienstleister, absehbare Preisanpassungen.

Und die Gegenrechnung, die oft vergessen wird: Arbeitszeit. Ein Argument aus der Diskussion, das sitzt – wer monatlich einen kleinen Betrag an Softwarekosten spart, dafür aber täglich zusätzliche Arbeitszeit aufwendet, spart nicht, sondern verlagert Kosten in einen Posten, den niemand misst.

Schritt 6 – Die Migration realistisch planen

Stammdaten bereinigen, bevor du sie überträgst – ein Systemwechsel ist die beste Gelegenheit, Karteileichen loszuwerden. Dann Bestände, offene Aufträge, Retouren, historische Daten für die Buchhaltung.

Leg einen Stichtag in eine ruhige Phase, niemals vor den Peak. Plane einen Parallelbetrieb ein und rechne mit einem Produktivitätsloch von einigen Wochen.

Schritt 7 – Den Ausstieg mitdenken

Bevor du unterschreibst: Wie kommst du wieder heraus? Gibt es einen vollständigen Datenexport in einem verwendbaren Format? Wem gehören die Daten? Welche Kündigungsfristen und Preisanpassungsklauseln gelten?

Wer einmal wegen einer Preiserhöhung wechseln musste, sollte diesen Punkt beim nächsten Vertrag nicht wieder überlesen.


Wann ein Wechsel sich nicht lohnt

Eine Preiserhöhung allein ist selten ein guter Grund. Rechne gegen: Einrichtung, Migration, Schulung, Produktivitätsverlust und das Risiko, dass das neue System an anderer Stelle schwächer ist.

In vielen Fällen ist der bessere Weg, die vorhandene Lösung endlich richtig einzurichten. Ein erheblicher Teil der Unzufriedenheit entsteht nicht durch fehlende Funktionen, sondern durch Prozesse, die nie sauber aufgesetzt wurden.


FAQ

Gibt es eine gute Alternative zu den beiden Marktführern?
Es gibt mehrere Systeme mit klaren Stärken, aber keines, das den vollen Funktionsumfang für Multichannel-Handel gleichwertig abdeckt. Die Auswahl wird deutlich kleiner.

Ist ein Stack aus spezialisierten Tools besser als ein großes ERP?
Er ist oft benutzerfreundlicher und flexibler, aber nicht günstiger, und du verantwortest die Schnittstellen selbst.

Was kostet ein Systemwechsel wirklich?
Neben Lizenz und Einrichtung vor allem Arbeitszeit und ein temporärer Produktivitätsverlust. Rechne über drei Jahre, nicht über einen Monat.

Wann sollte ich wechseln?
In einer umsatzschwachen Phase mit ausreichend Vorlauf. Niemals kurz vor dem Weihnachtsgeschäft.

Brauche ich für Amazon eine spezielle Lösung?
Für die Artikeldatenpflege führt in der Praxis kaum ein Weg an den Massendateien vorbei, unabhängig vom eingesetzten System.


Fazit

Die Suche nach dem besseren System beginnt fast immer mit einem konkreten Ärgernis – und endet oft in einer Migration, die das Ärgernis gegen ein neues tauscht.

Kläre deshalb zuerst, ob du ein Systemproblem oder ein Einrichtungsproblem hast. Entscheide dann zwischen einem Gesamtsystem und einem Verbund spezialisierter Werkzeuge. Und prüfe Anbieter mit deinen eigenen Abläufen, nicht mit ihren Funktionslisten.


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