Expandieren nach UK und in die Schweiz – wie kompliziert ist das wirklich?

Ein Kunde stellte uns die Frage mit einer optimistischen Vorannahme: Der britische Markt sei größer, die Freigabe müsse doch schnell erledigt sein, und steuerlich sei mit den vorhandenen Werkzeugen ohnehin alles abgedeckt.

Die Antworten aus der Praxis waren differenzierter – und sie machen deutlich, dass die Schwierigkeit nicht am Land hängt, sondern an drei Entscheidungen: Kanal, Lager und Warenwert.

Dieser Beitrag ersetzt keine steuerliche oder zollrechtliche Beratung.


Die kurze Antwort

Über einen Marktplatz ist der Einstieg vergleichsweise einfach – solange die Einzelwerte deiner Artikel unterhalb bestimmter Schwellen bleiben und du kein Lager im Zielland eröffnest. Beides zusammen hält die Registrierungspflichten überschaubar.

Mit dem eigenen Shop wird es deutlich komplizierter. Hier trägst du Verzollung, Kennzeichnungspflichten und Kundenkommunikation selbst – und mancher Logistiker tut sich damit bis heute schwer.

Der Warenwert je Sendung entscheidet mit. Oberhalb bestimmter Grenzen ändern sich die Pflichten, und unterhalb ist die Abwicklung deutlich einfacher.

Und eine Zahl, die viele überrascht: Die Kosten für die Verzollung je Sendung schwanken zwischen den Versanddienstleistern erheblich – berichtet werden über zwanzig Euro bei einem Anbieter und ein pauschaler Abwicklungszuschlag von unter vier Euro bei einem anderen. Das allein kann über die Wirtschaftlichkeit des ganzen Vorhabens entscheiden.


Großbritannien: die Punkte, die wirklich zählen

Die Lagerfrage entscheidet alles Weitere

Ohne Lager im Land bleibst du bei Direktversand mit Verzollung je Sendung. Mit Lager im Land verkaufst du inländisch – der Endkunde hat keinerlei Zollberührung, was die Kaufabbruchquote deutlich senkt.

Ein Weg aus der Praxis: ein Fulfillment-Partner mit Standort vor Ort. Du importierst einmal in größerer Menge, lässt korrekt verzollen und verkaufst anschließend im Inland. Das ist aufwendiger im Aufbau und deutlich angenehmer im Betrieb.

Die Kehrseite: Ein Lager im Land bedeutet steuerliche Registrierung und laufende Pflichten. Diese Rechnung gehört vor die Entscheidung.

Maße prüfen, bevor du kalkulierst

Ein Detail, das die Kalkulation kippen kann: Viele Versanddienstleister nehmen für Auslandssendungen nur Pakete bis etwa einem Meter Kantenlänge beziehungsweise drei Meter Gurtmaß an. Alles darüber läuft als Sperrgut – mit einem Zuschlag in der Größenordnung von zwanzig Euro je Sendung.

Wenn dein Sortiment größere Artikel enthält, prüfe das, bevor du Preise festlegst.

Produktkennzeichnung und verantwortliche Person

Für den britischen Markt gelten eigene Anforderungen, die nicht identisch mit den europäischen sind. Auch dort geht es darum, dass ein Verantwortlicher im Land greifbar ist und auf Produkt oder Verpackung genannt wird.

Zu den Details kursieren widersprüchliche Aussagen – ein Händler beschrieb genau diese Verwirrung bei seiner Recherche. Die belastbare Empfehlung lautet deshalb: Für deine konkrete Produktgruppe fachlich prüfen lassen, statt sich auf Forenwissen zu verlassen. Anbieter, die diese Rolle gegen Gebühr übernehmen, existieren – die Preise unterscheiden sich stark.

Verpackungs- und Entsorgungsregeln

Auch hier gelten eigene Schwellenwerte und Registrierungen. Prüfe, ob du darunter bleibst – und dokumentiere die Prüfung, statt sie nur einmal zu googeln.


Schweiz: zwei Themen, die regelmäßig Ärger machen

Wenn der Marktplatz die Steuer selbst abführt

Seit der Umstellung berechnen Marktplätze bei Lieferungen in die Schweiz die dortige Umsatzsteuer und führen sie direkt ab – unabhängig davon, ob du selbst registriert bist.

Für die Praxis entsteht daraus ein Bruch: Deine Rechnung ist eine Nettorechnung ins Drittland, gleichzeitig wird eine ausländische Steuer ausgewiesen und abgeführt. Rechnungsprogramme quittieren das teilweise mit Fehlermeldungen.

Dazu kommt die Zollseite: Für die Einfuhr wird eine Rechnung benötigt, in der Regel in doppelter Ausführung. Wenn der Marktplatz die maßgebliche Rechnung erstellt, brauchst du einen eigenen Ablauf für diese Sendungen – getrennt von dem, was du für Shop und andere Kanäle nutzt.

Die praktische Empfehlung: Bau diesen Sonderweg bewusst als eigenen Prozess auf, statt ihn in den bestehenden zu quetschen. Und lass die buchhalterische Behandlung einmal sauber klären, bevor du das Jahr durchbuchst.

Kunden, die sich die Steuer erstatten lassen wollen

Ein wiederkehrender Fall: Kunden lassen sich Ware an eine deutsche Adresse liefern, exportieren sie selbst in die Schweiz und verlangen anschließend unter Vorlage eines Zollstempels die deutsche Umsatzsteuer zurück.

Dazu zwei Klarstellungen. Erstens: Eine solche Erstattung ist an Voraussetzungen und Nachweise gebunden – ein Stempel allein genügt nicht. Zweitens: Der Aufwand für Prüfung, Buchung und Erstattung ist erheblich, und eine Verpflichtung, dieses Verfahren anzubieten, besteht nicht.

Daraus folgt eine schlichte unternehmerische Entscheidung: Leg fest, ob du das machst, und schreib es in deine Bedingungen. Entweder du bietest es als Service an – dann mit klarem, dokumentiertem Ablauf und definierten Nachweisen. Oder du schließt es aus. Beides ist vertretbar; unklar zu bleiben ist die schlechteste Variante.

Sendungen aufteilen

Muss eine Bestellung auf mehrere Pakete verteilt werden, braucht es keine getrennten Rechnungen. Üblich ist eine Rechnung, in der markiert wird, welche Positionen sich in welchem Paket befinden. Die Portale der großen Versanddienstleister unterstützen das Aufteilen einer Sendung samt Angabe der Paketanzahl.

Ein Händler berichtete, dass er für diesen Mehraufwand einen festen Betrag je zusätzlichem Paket berechnet – eine faire und transparente Lösung.


Schritt für Schritt: Der Einstieg in einen Drittlandmarkt

Schritt 1 – Mit dem Marktplatz beginnen, nicht mit dem Shop

Der Marktplatz übernimmt einen Teil der Abwicklung und liefert dir echte Nachfragedaten. Der eigene Shop lohnt sich, wenn du weißt, dass der Markt trägt.

Schritt 2 – Die Lagerfrage bewusst entscheiden

Direktversand mit Verzollung je Sendung oder Lager im Land mit inländischem Verkauf. Beide Wege sind legitim, aber sie haben völlig unterschiedliche Folgepflichten.

Schritt 3 – Versand- und Zollkosten vergleichen

Nicht nur die Frachtkosten, sondern ausdrücklich die Abwicklungsgebühr je Sendung. Hier liegen die größten Unterschiede.

Schritt 4 – Maße und Gewichte gegen die Annahmegrenzen prüfen

Sperrgutzuschläge im Auslandsversand können ganze Warengruppen unwirtschaftlich machen.

Schritt 5 – Produktcompliance klären

Verantwortliche Person, Kennzeichnung, Sprachanforderungen, Verpackungs- und Entsorgungsregister. Für deine Warengruppe konkret prüfen lassen.

Schritt 6 – Steuerprozess vorher abbilden

Wer führt welche Steuer ab, wie sieht die Rechnung aus, welche Dokumente braucht die Verzollung, wie wird das gebucht? Diese Fragen gehören vor die erste Bestellung.

Schritt 7 – Klein starten

Ein begrenztes Sortiment, ein Quartal, echte Zahlen. Danach entscheidest du über Lager, Shop und weiteren Ausbau – mit Daten statt mit Annahmen.


FAQ

Ist der Einstieg in den britischen Markt kompliziert?
Über einen Marktplatz und ohne eigenes Lager ist er überschaubar. Mit eigenem Shop oder eigenem Lager steigen die Anforderungen deutlich.

Was kostet die Verzollung je Sendung?
Sehr unterschiedlich – berichtet werden über zwanzig Euro bei einem Anbieter und unter vier Euro Abwicklungszuschlag bei einem anderen. Konditionen unbedingt vergleichen.

Brauche ich eine verantwortliche Person für Großbritannien?
Es gelten eigene Anforderungen, die nicht mit den europäischen identisch sind. Für die konkrete Produktgruppe fachlich prüfen lassen.

Warum führt der Marktplatz Schweizer Steuer ab, obwohl ich netto ins Drittland liefere?
Weil die Marktplatzpflichten unabhängig von deiner eigenen Registrierung greifen. Für die Verzollung brauchst du trotzdem eine passende Rechnung – plane dafür einen eigenen Ablauf ein.

Muss ich Kunden die Umsatzsteuer erstatten, wenn sie selbst exportieren?
Eine Verpflichtung, dieses Verfahren anzubieten, besteht nicht. Entscheide dich bewusst und halte es in deinen Bedingungen fest.


Fazit

Auslandsmärkte scheitern selten am Markt und fast immer an drei Punkten: einem Lager, das man unbedacht eröffnet, Sendungsmaßen, die niemand geprüft hat, und Zollgebühren, die in keiner Kalkulation standen.

Wer diese drei Fragen vorher beantwortet, hat den schwierigen Teil hinter sich – der Rest ist normaler Handel.


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