90 statt 95 Prozent: Was die neue Amazon Lieferquote ab dem 1. September wirklich bedeutet

In Händlerkreisen kursierten zuletzt zwei Zahlen. Die einen hatten 95 Prozent im Kopf, die anderen lasen im Verkäuferforum von 90 Prozent. Für Händler, die knapp über 90, aber deutlich unter 95 liegen, ist das keine akademische Frage. Es entscheidet darüber, ob Angebote weiterlaufen.

Die belastbare Antwort: Es sind 90 Prozent.

Seit dem 15. Juli 2026 erwartet Amazon von FBM Händlern eine On Time Delivery Rate (OTDR) von mindestens 90 Prozent. Die Kennzahl misst den Anteil der selbst versendeten Einheiten, die am oder vor dem zugesagten Lieferdatum beim Kunden ankommen. Den eigenen Wert finden Händler im Dashboard unter Verkäuferleistung.

Wer regelmäßig darunter liegt, muss ab dem 1. September 2026 damit rechnen, dass betroffene Angebote deaktiviert werden oder die Möglichkeit entfällt, neue FBM Produkte einzustellen.

Der eigentliche Haken liegt woanders

Die Zahl selbst ist die weniger problematische Nachricht. Die eigentliche Veränderung steckt in der Bewertung.

Amazon bewertet künftig die Zustellung, nicht nur den Versand.

Bisher war entscheidend, ob Händler rechtzeitig verschickt haben. Das lag vollständig in der eigenen Kontrolle. Jetzt zählt, ob das Paket rechtzeitig beim Kunden ankommt.

Damit hängt die Kontokennzahl stärker von Faktoren ab, die Händler nur begrenzt beeinflussen können:

  • Transportdienstleister
  • Zustellverzögerungen
  • Zollprozesse
  • Feiertage und Wochenenden
  • Verfügbarkeit des Empfängers

Genau daran entzündet sich die Kritik vieler Verkäufer. Trotzdem bleibt die Kennzahl bestehen. Die Aufgabe lautet daher nicht, über die Änderung zu diskutieren, sondern die eigene Lieferleistung gezielt zu steuern.

Was sich sonst noch geändert hat

Bearbeitungszeit auf 0 oder 1 Tag

Seit dem 15. Juli 2026 stehen auf Kontoebene nur noch diese beiden Optionen zur Verfügung. Händler, die bisher zwei Tage eingestellt hatten, wurden automatisch auf einen Tag gesetzt.

Amazon begründet dies damit, dass auf dem deutschen Marktplatz bereits ein großer Teil der FBM Bestellungen innerhalb eines Tages versendet wird.

Wichtig: Auf SKU Ebene kann weiterhin eine längere Bearbeitungszeit hinterlegt werden. Diese Einstellung ist eines der wichtigsten Werkzeuge für Händler.

Automatisierte Bearbeitungszeit ab 1. September

Liegt die eingestellte Bearbeitungszeit einer SKU über einen Zeitraum von 30 Tagen regelmäßig über der tatsächlichen Leistung, aktiviert Amazon für diese Produkte die Automated Handling Time.

Das System übernimmt dann automatisch die Steuerung der Bearbeitungszeit mit dem Ziel, realistischere und schnellere Lieferzusagen zu ermöglichen.

Business Zustellung ab 30. September

Für Lieferungen an Amazon Business Kunden gilt zusätzlich eine Quote von mindestens 90 Prozent Zustellung innerhalb der Geschäftszeiten.

Ab dem 30. Oktober 2026 können betroffene Angebote für Business Kunden deaktiviert werden.

SFP bleibt strenger

Teilnehmer am Programm Seller Fulfilled Prime müssen weiterhin höhere Leistungswerte erfüllen.

Sechs Hebel, die tatsächlich wirken

1. Lieferversprechen realistisch pro SKU setzen

Der stärkste Hebel wird am häufigsten unterschätzt.

Sperrige Artikel, Streckenlieferungen oder Produkte mit Sonderverpackung benötigen eigene Bearbeitungszeiten. Ein etwas längeres Lieferfenster kostet möglicherweise einzelne Conversions. Eine deaktivierte SKU kostet hingegen den gesamten Umsatz.

2. Sendungsverfolgung lückenlos hinterlegen

Ohne valide Tracking Daten kann Amazon eine pünktliche Lieferung nicht korrekt bewerten.

Prüfen Sie deshalb:

  • Ist jede Sendung mit einer gültigen Tracking Nummer versehen?
  • Wird die Nummer vom Carrier bestätigt?
  • Gibt es Lücken bei Kleinsendungen oder Warenpost?

3. Cut Off Zeiten ehrlich abbilden

Viele Systeme rechnen zu optimistisch.

Wenn die Abholung durch den Versanddienstleister um 15 Uhr erfolgt, ist eine Bestellung um 16:30 Uhr praktisch eine Bestellung des nächsten Tages.

4. Regionen getrennt betrachten

Inlandszustellungen und internationale Lieferungen haben unterschiedliche Laufzeiten.

Wer beide Bereiche mit demselben Lieferversprechen behandelt, riskiert, dass langsame Auslandslieferungen die gesamte Quote verschlechtern.

5. Wochenenden und Feiertage pflegen

Ein häufiger Fehler mit großer Wirkung.

Besonders regionale Feiertage oder verlängerte Wochenenden können Lieferzusagen ungewollt reißen lassen.

6. Zweiten Versanddienstleister anbinden

Wenn die eigene Lieferquote vollständig von einem einzigen Carrier abhängt, entsteht ein unnötiges Risiko.

Ein zweiter Versanddienstleister ist nicht nur eine Kostenfrage, sondern eine Absicherung für die eigene Marktplatzfähigkeit.

Was Sie jetzt in dieser Reihenfolge tun sollten

  1. OTDR Wert im Dashboard Verkäuferleistung prüfen.
  2. Bei Werten unter 93 Prozent analysieren, welche SKUs und Regionen die Probleme verursachen.
  3. Bearbeitungszeiten dieser Produkte anpassen, bevor Amazon automatisch eingreift.
  4. Business Bestellungen prüfen, falls Sie an Geschäftskunden liefern.
  5. Tracking Lücken schließen.

Der übergeordnete Punkt

Unabhängig von der konkreten Prozentzahl zeigt diese Änderung zwei wichtige Entwicklungen.

Erstens: Eine Kennzahl, die teilweise durch externe Dienstleister beeinflusst wird, entscheidet über die eigene Verkaufsfähigkeit. Das zeigt die Abhängigkeit von Marktplätzen besonders deutlich.

Zweitens: Rund um wichtige Händlerkennzahlen entstehen schnell widersprüchliche Informationen. In diesem Fall kursierten gleichzeitig 90 und 95 Prozent.

Bei Kennzahlen, die direkten Einfluss auf Umsatz und Sichtbarkeit haben, sollten Händler niemals ausschließlich auf Foren oder Gruppen vertrauen. Communities sind wertvoll, um Themen früh zu erkennen. Verbindliche Zahlen liefern jedoch nur die offiziellen Richtlinien und das eigene Verkäuferkonto.

Fazit: Die neue Amazon Lieferquote ist weniger eine reine Prozentfrage als eine Aufforderung, Prozesse, Versandpartner und Lieferzusagen professionell zu steuern.