120 Millionen Dollar EU-Gewinn mit acht Mitarbeitern: Was die Temu-Zahlen über das Geschäftsmodell verraten

Der chinesische Marktplatz Temu hat seinen Vorsteuergewinn in der EU nach Presseberichten auf knapp 120 Millionen Dollar mehr als verdoppelt, ein Anstieg von rund 171 Prozent gegenüber den etwa 44 Millionen Dollar im Vorjahr. Bemerkenswert ist dabei vor allem eine Zahl am Rande: Die europäische Gesellschaft beschäftigt dafür lediglich acht Mitarbeitende.

Diese Konstellation ist aufschlussreich, weil sie das zugrunde liegende Geschäftsmodell offenlegt: Nahezu die gesamte Wertschöpfung, von Beschaffung über Logistik bis zum Kundenservice, findet außerhalb der europäischen Gesellschaft statt, während die EU-Einheit im Wesentlichen eine rechtliche und steuerliche Hülle darstellt.

Für europäische Händler, die mit vollständiger lokaler Infrastruktur, Personal, Lager, Steuerlast und Regulierungsaufwand arbeiten, verdeutlicht das eine strukturelle Asymmetrie im Wettbewerb, die sich nicht durch bessere eigene Prozesse ausgleichen lässt, sondern nur regulatorisch adressiert werden kann.

Genau hier setzen die aktuellen politischen Entwicklungen an, etwa der Wegfall der Zollfreigrenze für Kleinsendungen, die verschärfte Durchsetzung der Umsatzsteuerpflicht durch Marktplätze sowie strengere Anforderungen an Produktsicherheit und Herstellerverantwortung. Ob und wie schnell diese Maßnahmen tatsächlich wirken, bleibt abzuwarten.

Für die eigene strategische Planung lohnt es sich, solche Zahlen als das zu lesen, was sie sind: ein Indikator dafür, in welchen Produktkategorien der Preiswettbewerb strukturell gegen europäische Anbieter läuft, und wo umgekehrt Faktoren wie Beratung, Service, Lieferzeit und rechtliche Verlässlichkeit tatsächlich den Ausschlag geben.