Mit wachsender Bedeutung von Livestreams und Kurzvideos auf Plattformen wie TikTok und Instagram stellt sich für immer mehr Händler die Frage, wie ein eigenes kleines Videostudio zur Produktpräsentation aussehen sollte.
Ton vor Bild
Der wichtigste Grundsatz widerspricht der Intuition: In die Tonqualität gehört mehr Aufmerksamkeit als in die Bildqualität. Zuschauer verzeihen ein mittelmäßiges Bild, brechen aber bei verrauschtem oder halligem Ton innerhalb weniger Sekunden ab.
Praktisch bedeutet das: ein Ansteckmikrofon statt des Kameramikrofons, und ein Raum mit möglichst wenig Hall. Textilien schlucken Schall, weshalb Teppich, Vorhänge oder auch nur ein Regal mit Kartons an der Rückwand mehr bewirken als teure Technik in einem leeren, gefliesten Raum.
Licht: gleichmäßig schlägt hell
Für Produktvideos ist eine gleichmäßige, weiche Ausleuchtung wichtiger als eine besonders helle. Zwei Lichtquellen im Winkel von etwa 45 Grad zum Produkt, beide mit Diffusor, vermeiden harte Schatten und Reflexionen auf glänzenden Oberflächen.
Tageslicht durch ein Fenster funktioniert gut, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Es verändert sich im Tagesverlauf und über die Jahreszeiten. Wer wiedererkennbare Videos produzieren will, braucht eine reproduzierbare Lichtsituation, und die entsteht nur mit künstlichem Licht.
Hintergrund und Raumaufteilung
Der Hintergrund sollte ruhig sein und das Produkt nicht überstrahlen. Ein neutraler Ton in Grau oder gebrochenem Weiß funktioniert für die meisten Sortimente, weil er sowohl helle als auch dunkle Produkte freistellt.
Sinnvoll ist eine Aufteilung in zwei Zonen: eine feste Fläche für Produktfotos mit gleichbleibendem Aufbau und eine flexiblere Fläche für Bewegtbild, in der auch eine Person Platz hat. Wer beides in derselben Ecke unterbringt, baut vor jeder Aufnahme um, und genau dieser Aufwand führt in der Praxis dazu, dass Videos nicht entstehen.
Technik: Smartphone reicht länger, als man denkt
Für den Einstieg genügt ein aktuelles Smartphone auf einem stabilen Stativ. Die Bildqualität moderner Telefone übersteigt das, was auf Social-Plattformen dargestellt wird, deutlich. Investitionen lohnen sich zuerst in Mikrofon, Licht und Stativ, erst danach in die Kamera.
Ein praktischer Hinweis für Livestreams: Eine kabelgebundene Netzwerkverbindung ist der WLAN-Verbindung vorzuziehen. Ein Abbruch mitten in einer Live-Sendung kostet mehr als jede Bildqualität einbringt.
Bevor investiert wird
Bevor ein Raum dauerhaft belegt und Technik angeschafft wird, lohnt der Austausch mit anderen Händlern, die bereits produzieren. Fragen zu Raumakustik, Lichtsetups für bestimmte Materialien und praktikablen Abläufen lassen sich aus Erfahrung deutlich schneller beantworten als durch Ausprobieren.
Sinnvoll ist außerdem, zunächst mit einer einfachen, flexiblen Grundausstattung zu starten und erst nach einigen Monaten zu entscheiden, welche Formate tatsächlich entstehen. Viele aufwendig eingerichtete Studios werden nach der Anfangsphase kaum noch genutzt, weil das Format nicht zum Sortiment passte.