Amazon hat die Anforderungen an die Zertifizierung von Kinderspielzeug verschärft und verlangt inzwischen eine jährliche Testierung durch vorgegebene Prüfinstitute. Für Artikel mit geringem Verkaufsvolumen rechnet sich dieser wiederkehrende Aufwand nicht mehr.
Amazon entscheidet über die Einstufung
Erschwerend kommt hinzu, dass Amazon selbst festlegt, welche Produkte als Kinderspielzeug gelten. In der Praxis trifft das auch fachfremde Artikel, etwa Papierservietten oder Küchenartikel mit kindgerechtem Motiv. Ein Widerspruch gestaltet sich erfahrungsgemäß mühsam.
Rechtlich ist die Abgrenzung durchaus geregelt: Spielzeug ist ein Erzeugnis, das zum Spielen von Kindern unter 14 Jahren bestimmt ist. Ein Küchenhandtuch mit Tiermotiv fällt nicht darunter. Die Plattform legt ihre eigenen Kriterien aber weiter aus, und deren Durchsetzung ist eine Frage der Vertragsbedingungen, nicht des Gesetzes.
Die Rechnung pro Artikel
Ob sich die Zertifizierung lohnt, lässt sich einfach ermitteln. Stellen Sie den jährlichen Kosten für Prüfung und Testierung den Jahresdeckungsbeitrag des Artikels gegenüber.
Ein Beispiel: Liegt die jährliche Testierung bei 400 Euro und erwirtschaftet der Artikel 3 Euro Deckungsbeitrag pro Stück, müssen jährlich mehr als 133 Stück verkauft werden, nur um die Prüfkosten zu decken. Wer davon weit entfernt ist, sollte den Artikel auslisten statt zertifizieren.
Drei Handlungswege
Für Sortimente mit größerem Spielzeuganteil kann die Verschärfung bedeuten, dass ein erheblicher Teil des Katalogs innerhalb kurzer Zeit verschwindet, mit Folgen für Umsatz und Personalplanung.
Erstens die Konzentration auf Artikel mit ausreichendem Volumen und Auslistung der Ausläufer. Zweitens die Verlagerung betroffener Artikel auf andere Vertriebskanäle mit weniger strengen Plattformvorgaben, etwa den eigenen Shop, wo weiterhin nur die gesetzlichen Anforderungen gelten. Drittens die Bündelung mehrerer Varianten unter einer gemeinsamen Zertifizierung, sofern die Prüfstelle das zulässt.
Der übergeordnete Punkt
Der Fall zeigt exemplarisch ein Risiko der Plattformabhängigkeit: Eine einzelne Richtlinienänderung kann ein über Jahre aufgebautes Teilsortiment wirtschaftlich unmöglich machen, ohne dass sich an der Rechtslage oder am Produkt etwas geändert hätte.
Wer stark in einer regulierungsintensiven Kategorie unterwegs ist, sollte deshalb früh prüfen, welcher Anteil des Umsatzes an einer einzelnen Plattform hängt. Ein Vertriebskanal, der solche Vorgaben einseitig setzen kann, ist ein Klumpenrisiko, unabhängig davon, wie gut er derzeit läuft.
Was bei der Prüfstelle zu klären ist
Wer zertifizieren lässt, sollte vorab drei Punkte mit dem Prüfinstitut klären. Erstens, ob mehrere Farb- oder Größenvarianten desselben Artikels unter einer Prüfung zusammengefasst werden können. Das senkt die Kosten pro Artikelnummer erheblich. Zweitens, wie lange ein Prüfbericht gültig ist und was bei einer Rezepturänderung des Herstellers passiert. Drittens, ob der Bericht in einer Form ausgestellt wird, die Amazon akzeptiert, denn nicht jeder gültige Prüfbericht wird von der Plattform anerkannt.
Der letzte Punkt verursacht in der Praxis die meisten Verzögerungen. Ein Bericht, der fachlich einwandfrei ist, aber ein von der Plattform gefordertes Feld nicht ausweist, führt zur Ablehnung und damit zu einer zweiten Prüfrunde.