Affiliate-Marketing ist der einzige Kanal, bei dem du erst zahlst, wenn verkauft wurde. Das klingt nach einem Angebot ohne Risiko – und genau deshalb wird es unterschätzt.
Denn die Provision ist nur ein Teil der Rechnung. Dazu kommen Fixkosten, Netzwerkgebühren und ein Betreuungsaufwand, der in keinem Angebot steht. Dieser Beitrag ist als Handwerkszeug gedacht: Wer bietet was an, was kostet es, wie geht man vor – und woran erkennst du nach sechs Monaten, ob sich der Kanal trägt.
Die kurze Antwort
Affiliate lohnt sich, wenn dein Sortiment vergleichbar, erklärungsarm und für Gutschein-, Cashback- und Preisvergleichsseiten interessant ist – und wenn du genügend Volumen hast, damit die Fixkosten verschwinden.
Es lohnt sich nicht, wenn deine Marge unter etwa 20 Prozent liegt, dein Produkt Beratung braucht oder niemand im Haus Zeit für die Betreuung hat. Ein Programm, das niemand pflegt, kostet Grundgebühr und bringt nichts.
Die vier Kostenpositionen
Setup-Gebühr: einmalig für Einrichtung und Tracking. Bei den großen Netzwerken bewegt sie sich je nach Anbieter und Verhandlung etwa zwischen 500 und 5.000 Euro, einige Netzwerke verzichten ganz darauf.
Monatliche Grundgebühr: die Plattformmiete, unabhängig vom Umsatz. Typisch sind 150 bis 500 Euro – oder null.
Netzwerkgebühr: ein Aufschlag auf die tatsächlich ausgezahlten Publisher-Provisionen. Branchenüblicher Ausgangswert sind rund 30 Prozent, ab entsprechendem Volumen verhandelbar. Das ist die Position, die mit dem Erfolg wächst.
Betreuung: entweder ein Service-Paket des Netzwerks, eine Agentur oder eigene Arbeitszeit. Diese Position ist meistens die größte.
Die Anbieter im Überblick
Ein Hinweis vorweg: Bis auf wenige Ausnahmen veröffentlicht kein Netzwerk Preise. Alle Beträge unten sind Marktgrößenordnungen aus Angeboten und Branchenquellen, keine Preislisten. Verhandelbar ist fast alles.
Die großen Vollsortimenter
Awin – nach dem Zusammenschluss mit Zanox das größte Netzwerk in Europa, breite Publisher-Basis in allen Kategorien, internationale Programme aus einem Account. Setup und Grundgebühr fallen an, Service-Pakete kosten extra. Erste Wahl, wenn Reichweite und internationale Expansion zählen.
Tradedoubler – skandinavischer Anbieter mit starker Position in Nord- und Südeuropa, kostenpflichtig, Pricing individuell.
CJ Affiliate und impact.com – die internationalen Schwergewichte. Interessant für Marken mit US- oder UK-Fokus und für alle, die Affiliate, Influencer und Partnerschaften in einer Plattform steuern wollen. Preislich am oberen Ende.
Webgains und TradeTracker – mittelgroße europäische Netzwerke, oft mit persönlicherer Betreuung als die Marktführer und günstigeren Einstiegskonditionen.
Die gebührenfreien Einsteiger
AdCell – deutsches Netzwerk mit klarem DACH-Fokus, über 2.000 Partnerprogramme. Der Anbieter wirbt damit, dass für Advertiser weder Setup- noch monatliche Fixgebühren anfallen, abgerechnet wird ausschließlich performancebasiert. Damit ist es der risikoärmste Einstieg. Der Preis dafür: ein Publisher-Mix mit deutlichem Übergewicht bei Gutschein- und Couponseiten – was je nach Sortiment Segen oder Fluch ist.
belboon – Berliner Netzwerk, ebenfalls ohne Setup- und Grundgebühr, rund 1.800 Partnerprogramme, gute Produktdatenverarbeitung. Solide Wahl für mittelständische Shops im deutschsprachigen Raum.
SuperClix – kleiner, seit 2000 am Markt, gebührenfreier Einstieg. Reichweite deutlich unter den Großen.
Die Spezialisten
financeAds – das Netzwerk für Banken, Versicherungen und FinTechs. Wer Finanzprodukte vertreibt, findet hier Publisher, die es bei den Vollsortimentern nicht gibt.
retailAds – auf E-Commerce zugeschnitten, mit Fokus auf Neukundengewinnung.
Digistore24 – für digitale Produkte, Kurse und Abos. Technisch kein klassisches Netzwerk, sondern Reseller und Zahlungsanbieter in einem; abgerechnet wird pro Verkauf.
Adgoal – Meta-Netzwerk, das Programme aus mehreren Netzwerken bündelt. Relevant vor allem für Publisher.
Eigene Software statt Netzwerk
Wer seine Partner selbst mitbringt – Influencer, Bestandskunden, Fachhändler – braucht kein Netzwerk, sondern nur Tracking und Abrechnung. Diese Tools kosten eine feste Monatsgebühr und nehmen keinen Prozentsatz vom Umsatz:
- Tapfiliate – ab rund 89 US-Dollar monatlich, Einstiegstarif mit Deckeln bei Partnerzahl, Klicks und Conversions; Shopify- und WooCommerce-Anbindung
- Post Affiliate Pro – veröffentlichte Preise, unbegrenzte Partner in allen Stufen, sehr viele Integrationen
- FirstPromoter, Rewardful, LeadDyno – rund 49 US-Dollar monatlich, stark bei Abo-Geschäftsmodellen
- Affonso – der günstigste Einstieg im zweistelligen Bereich
Der Unterschied ist grundsätzlich: Ein Netzwerk verkauft dir Reichweite. Eine Software verkauft dir Technik. Wenn du keine Publisher hast und auch keine gewinnen kannst, löst die Software dein Problem nicht.
Was das in Zahlen heißt
Drei Szenarien, jeweils mit 10 Prozent Provision und 30 Prozent Netzwerkgebühr:
50.000 Euro Kanalumsatz im Jahr: 5.000 Euro Provision, 1.500 Euro Netzwerkgebühr, dazu rund 3.900 Euro Fixkosten bei einem gebührenpflichtigen Netzwerk – zusammen 10.400 Euro, also gut 21 Prozent vom Umsatz. Bei einem gebührenfreien Netzwerk sind es 6.500 Euro, also 13 Prozent.
250.000 Euro: 25.000 Provision plus 7.500 Netzwerkgebühr plus 3.900 Fix – rund 14,6 Prozent. Der Unterschied zwischen den Netzwerkmodellen schmilzt.
1.000.000 Euro: 100.000 plus 30.000 plus 3.900 – 13,4 Prozent. Ab hier ist die Fixgebühr Nebensache, und die einzige Position, die noch zählt, ist die verhandelte Netzwerkgebühr. Ein Prozentpunkt weniger sind hier 1.000 Euro im Jahr.
Die Faustregel daraus: Unter etwa 100.000 Euro erwartetem Kanalumsatz im ersten Jahr nimm ein gebührenfreies Netzwerk. Darüber lohnt der Vergleich, weil Reichweite und Publisher-Qualität mehr wiegen als die Grundgebühr.
Vorgehen: die Auswahl
Bevor du Angebote einholst, kläre fünf Punkte:
- Deckungsbeitrag pro Bestellung. Wenn nach Provision und Netzwerkgebühr nichts übrig bleibt, endet die Prüfung hier.
- Publisher-Typen. Schau in die Programme deiner drei größten Wettbewerber. Welche Netzwerke nutzen sie? Wo laufen sie exklusiv?
- Sortiment. Gibt es einen Produktdatenfeed? Ohne Feed fallen Preisvergleicher weg – in vielen Branchen die Hälfte des möglichen Umsatzes.
- Märkte. Nur DACH oder auch Ausland? Das entscheidet zwischen deutschem Netzwerk und internationalem Anbieter.
- Wer macht es? Mit Namen. Netzwerke kalkulieren den Aufwand eines neuen Programms mit acht bis fünfzehn Stunden pro Woche in der Anfangsphase.
Hol dann drei Angebote ein und lass dir jedes über 24 Monate durchrechnen, inklusive Betreuung. Über diesen Zeitraum dreht sich die Reihenfolge regelmäßig um.
To-dos im Setup
Nach der Unterschrift ist der Ablauf bei allen Netzwerken ähnlich. Was du liefern musst:
- Programmbeschreibung, kurz und lang, plus Logo in ordentlicher Auflösung
- Provisionsstruktur – nach Kategorie gestaffelt, nicht pauschal, und mit unterschiedlichen Sätzen für Neu- und Bestandskunden
- Cookie-Laufzeit und Autobestätigungszeitraum. Die Autobestätigung muss länger sein als deine Widerrufs- und Retourenfrist, sonst zahlst du Provision auf stornierte Bestellungen.
- Eigene Programm-AGB: Was dürfen Publisher, was nicht? Markenbegriffe in Suchanzeigen, Gutscheincodes aus fremden Quellen, Post-View-Tracking – das regelst du hier oder gar nicht.
- Tracking im Shop einbauen und mit einem Testkauf prüfen lassen
- Produktdatenfeed bereitstellen
- Ein erstes Set Werbemittel – Banner in den gängigen Formaten, Textlinks, Gutscheingrafiken
- Kurzer Text für den Publisher-Newsletter des Netzwerks zum Start
- Erstrechnung und Einzahlungsbetrag begleichen – ohne das startet nichts
Zum Container-Skript, das die meisten Netzwerke zusätzlich anbieten: Es bündelt Funktionen wie Cross-Device-Zuordnung, Retargeting und Onsite-Auswertung. Kläre vor dem Einbau mit dem Datenschutzbeauftragten, welche dieser Funktionen du wirklich aktivierst und wie sie in die Einwilligung eingebunden werden.
To-dos in den ersten 90 Tagen
Diese Phase entscheidet über das Programm. Der Fehler, den fast alle machen: warten, dass sich Publisher melden.
- Woche 1 bis 4: Publisher aktiv ansprechen. Die 20 größten Gutschein- und Cashbackseiten deiner Kategorie, dazu Content-Seiten und Preisvergleicher. Persönlich, nicht per Sammelmail.
- Woche 4 bis 8: Konditionen nachschärfen. Wer bringt Umsatz, wer nur Klicks? Erste Einzelvereinbarungen mit starken Partnern.
- Woche 8 bis 12: Erste Aktion planen – exklusiver Code, zeitlich begrenzte Provisionserhöhung, Platzierung bei einem großen Publisher.
- Laufend: Sales validieren. Nicht validierte Transaktionen bestätigen sich bei den meisten Netzwerken automatisch – Retouren gehen dann auf deine Kosten.
Das Review nach sechs Monaten
Jetzt kommt der Teil, den die meisten auslassen. Diese sechs Kennzahlen sagen dir, ob der Kanal trägt:
- Inkrementalität. Die wichtigste und unbequemste Frage: Wie viele dieser Bestellungen hättest du auch ohne Affiliate bekommen? Wenn 80 Prozent des Umsatzes über Gutscheinseiten laufen, die im letzten Schritt vor dem Kauf abgegriffen werden, bezahlst du größtenteils Kunden, die schon im Warenkorb standen.
- Neukundenanteil. Unter 40 Prozent solltest du die Provision für Bestandskunden senken.
- Publisher-Konzentration. Wenn ein Partner mehr als die Hälfte des Umsatzes stellt, hast du kein Programm, sondern eine Abhängigkeit.
- CPO im Kanalvergleich. Rechne Provision plus Netzwerkgebühr plus anteilige Fixkosten pro Bestellung – und stell das neben deinen CPO bei Suchanzeigen.
- Stornoquote. Steigt sie über deinen Shop-Durchschnitt, stimmt etwas mit den Partnern nicht.
- Betreuungsstunden. Miss sie. Wenn 15 Stunden pro Woche in einen Kanal fließen, der 5 Prozent des Umsatzes bringt, ist das eine Entscheidung – aber sie sollte bewusst fallen.
Ein Programm, das nach sechs Monaten unter 2 Prozent Umsatzanteil liegt und keine wachsende Publisher-Zahl zeigt, wird auch im zwölften Monat nicht abheben. Dann ist Kündigen die richtige Entscheidung – rechtzeitig vor der automatischen Verlängerung.
Vertragsfallen
- Mindestlaufzeit von zwölf oder vierundzwanzig Monaten mit automatischer Verlängerung
- Mindestgebühr pro Monat, unabhängig vom Umsatz
- Exklusivitätsklauseln, die parallele Netzwerke ausschließen
- Reduzierte Grundgebühr, die nur als Sternchen im Angebot steht und nicht im Vertrag
- Post-View-Vergütung, die standardmäßig aktiv ist
- Wem gehören die Publisher-Kontakte beim Netzwerkwechsel?
FAQ
Zwei Netzwerke parallel? Zum Start nicht. Doppelte Fixkosten, doppelter Aufwand – und die Gefahr, dass beide Netzwerke denselben Sale abrechnen. Das wird erst ab deutlichem Volumen sinnvoll.
Was ist eine realistische Provision? Im Handel meist 5 bis 12 Prozent, gestaffelt nach Kategorie. Bei digitalen Produkten liegt sie deutlich höher, weil keine Wareneinsatzkosten anfallen.
Reicht ein Netzwerk ohne Gebühren? Für den Test ja. Die Netzwerkgebühr zahlst du trotzdem – nur eben erst, wenn Umsatz entsteht.
Agentur oder Service-Paket des Netzwerks? Das Netzwerk kennt seine Publisher besser. Eine Agentur ist unabhängiger und kann dir auch vom Kanal abraten. Bei kleinen Programmen ist das Paket meist günstiger.
Fazit
Affiliate ist kein Selbstläufer und kein Risiko – es ist ein Vertriebskanal mit Fixkosten, der Betreuung braucht. Wer klein anfängt, gebührenfrei testet und nach sechs Monaten ehrlich auf die Inkrementalität schaut, macht wenig falsch.
Wer dagegen ein teures Paket bucht und darauf wartet, dass sich das Programm von selbst füllt, zahlt zwölf Monate Grundgebühr für eine Datenbank ohne Partner.
Konditionen, Paketzuschnitte und Publisher-Zahlen ändern sich laufend, und die meisten Netzwerke veröffentlichen keine Preise. Die genannten Beträge sind Größenordnungen zur Orientierung – hol dir eigene Angebote.