ERP wird teurer: Wann sich ein Systemwechsel wirklich lohnt

Arbeitsplatz mit Laptop als Symbol für die Auswahl einer Warenwirtschaft

Ein Händler mit zehn Beschäftigten, eigenem Shop, Amazon in beiden Versandvarianten und zusätzlichem Außendienst will sein Warenwirtschaftssystem wechseln, weil der Anbieter die Preise in einer aus seiner Sicht schwer nachvollziehbaren Weise angepasst hat. Die Anbieter in der engeren Auswahl sagen erwartungsgemäß alle, dass sie alles können.

Der teuerste Fehler ist der voreilige Wechsel

Eine Preiserhöhung fühlt sich nach einem guten Grund für einen Wechsel an. Rechnet man ehrlich, sieht das oft anders aus. Zu den Lizenzkosten des neuen Systems kommen Einrichtung, Datenmigration, Schnittstellen zu allen Kanälen, Anpassung der Prozesse am Packtisch, Schulung und eine Phase mit reduzierter Produktivität.

Realistisch liegt der Gesamtaufwand einer ERP-Migration bei einem Betrieb dieser Größe im mittleren fünfstelligen Bereich, verteilt über sechs bis zwölf Monate. Eine jährliche Mehrbelastung von einigen tausend Euro amortisiert einen solchen Wechsel also nicht schnell.

Zuerst verhandeln

Bevor ein Wechsel geprüft wird, lohnt das Gespräch mit dem bestehenden Anbieter. Preisanpassungen sind häufig verhandelbar, insbesondere wenn eine mehrjährige Bindung angeboten wird oder wenn nachvollziehbar ist, dass bestimmte Module gar nicht genutzt werden. Wer die eigene Nutzung dokumentiert vorlegt, verhandelt deutlich wirksamer.

Woran ein Wechsel in der Praxis scheitert

Erfahrungsberichte nennen fast immer dieselben drei Punkte. Erstens die Schnittstellen: Ein System, das einen Kanal nur eingeschränkt anbindet, erzeugt dauerhaft Handarbeit. Zweitens die Prozessabbildung im Lager, etwa Sammelkommissionierung, Scan am Packtisch und automatischer Labeldruck. Drittens die Buchhaltungsanbindung mit Sachkonten und Belegexport.

Diese drei Punkte gehören deshalb vor der Entscheidung getestet, nicht danach. Eine Testinstallation mit echten Artikeldaten und einem realen Tagesablauf sagt mehr aus als jede Produktpräsentation.

Was aus dem Erfahrungsaustausch berichtet wird

Zu den etablierten Systemen im deutschen Onlinehandel liegen viele Praxisberichte vor. Genannt wird regelmäßig, dass leistungsfähige Systeme zu Beginn durch ihren Funktionsumfang überfordern, sich die Einarbeitung aber lohnt, sobald mehrere Marktplätze und ein eigener Shop parallel laufen.

Am Anfang erschlägt einen der Umfang, aber man kommt schnell rein.
Kommentar eines Händlers zum Umstieg auf ein neues Warenwirtschaftssystem

Ein realistischer Ablaufplan

Wer wechselt, sollte den Zeitpunkt bewusst wählen. Eine Migration in der Hochsaison ist der sicherste Weg in ein Desaster. Sinnvoll ist das erste Quartal oder eine andere nachfrageschwache Phase.

Bewährt hat sich außerdem ein Parallelbetrieb über einige Wochen, bei dem zunächst nur ein Vertriebskanal über das neue System läuft. Das begrenzt den Schaden, falls etwas nicht funktioniert, und liefert belastbare Erkenntnisse, bevor der gesamte Betrieb umgestellt wird.

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