Für Onlinehändler mit mehreren Millionen Euro Jahresumsatz, eigenem Lager, OSS-Verfahren und Verkäufen in mehrere Länder wird die Suche nach einer passenden Steuerkanzlei zunehmend anspruchsvoll. Viele klassische Kanzleien sind auf die Besonderheiten des grenzüberschreitenden Onlinehandels schlicht nicht eingerichtet.
Die Anforderungen im Einzelnen
Aus der Praxis haben sich fünf Anforderungen herauskristallisiert, die im Erstgespräch geklärt sein sollten.
Ein fachlich versierter Ansprechpartner für die laufende Buchhaltung. Nicht nur für den Jahresabschluss, sondern für die monatlichen Rückfragen, die im Marktplatzhandel regelmäßig entstehen. Fragen Sie konkret, wer die laufende Bearbeitung übernimmt und wie viele E-Commerce-Mandate diese Person betreut.
Eine aussagekräftige betriebswirtschaftliche Auswertung. Eine BWA, die Bestandsveränderungen und Vorbestellungen nicht realistisch abbildet, ist im Handel wertlos. Wer Ware einkauft und einlagert, sieht in einer unbereinigten Auswertung einen Verlust, obwohl lediglich Kapital in Bestand gewandelt wurde.
Ein hoher Automatisierungsgrad. Bei wachsendem Bestellvolumen dürfen die Kosten nicht proportional mitwachsen. Fragen Sie, über welche Schnittstellen die Kanzlei Marktplatzdaten einliest und ob dafür Zusatzkosten anfallen.
Eine nachvollziehbare Arbeitsweise. Prozesse sollten erklärt und geliefertes Datenmaterial plausibilisiert werden, statt es blind zu übernehmen. Eine Kanzlei, die Auffälligkeiten in den übermittelten Daten nicht bemerkt, schützt Sie in einer Betriebsprüfung nicht.
Unternehmerisch denkende Beratung. Gerade bei Fragen zu Lagerstandorten, Rechtsformwahl oder internationaler Expansion ist die steuerliche Einschätzung eine unternehmerische Weichenstellung, keine reine Formalie.
Fragen, die Klarheit schaffen
Im Erstgespräch bringen wenige konkrete Fragen mehr Erkenntnis als eine allgemeine Vorstellungsrunde: Wie viele Mandate mit Marktplatzhandel betreuen Sie? Welche Warenwirtschaftssysteme binden Sie direkt an? Wie gehen Sie mit Lagerbeständen in anderen EU-Ländern um? Was passiert, wenn eine Betriebsprüfung kommt, und wer begleitet sie? Wie rechnen Sie ab, und was passiert bei einer Verdopplung meines Bestellvolumens?
Die Antwort auf die letzte Frage ist besonders aufschlussreich. Eine Kanzlei, die darauf keine klare Auskunft geben kann, hat das eigene Kostenmodell nicht auf wachsende Datenmengen ausgelegt.
Wo man solche Kanzleien findet
Spezialisierte Kanzleien für den Onlinehandel sind noch vergleichsweise selten. Der wirksamste Weg führt über konkrete Empfehlungen anderer Händler in vergleichbarer Größenordnung, weil sich die Eignung stark am eigenen Geschäftsmodell entscheidet.
Bei der Bewertung eines Kandidaten lohnt außerdem ein Blick auf scheinbare Nebensächlichkeiten wie Erreichbarkeit und aktuelle Kontaktdaten. Warum das aussagekräftiger ist, als es zunächst wirkt, beschreibt der Beitrag Den richtigen Steuerberater finden.